Die Bau- und Immobilienwirtschaft zählt zu den bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren Österreichs. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Instituts für Österreichs Wirtschaft (iföw), die im Auftrag der Initiative Pro Bauen und Sanieren erstellt wurde. Demnach erwirtschaftet die Branche direkt eine Wertschöpfung von 52,1 Milliarden Euro. Werden zusätzlich Zuliefer-, Verflechtungs- und Konsumeffekte berücksichtigt, steigt die gesamtwirtschaftliche Wirkung auf 84,8 Milliarden Euro.
Damit hängen laut Studie rund 20 Prozent der österreichischen Wirtschaftsleistung direkt oder indirekt mit der Bau- und Immobilienwirtschaft zusammen. Der unmittelbar erwirtschaftete Beitrag sei damit etwa doppelt so hoch wie in bisherigen Statistiken ausgewiesen, unter Einbeziehung aller Folgewirkungen sogar rund dreimal so hoch.
Grundlage der Untersuchung ist die von Eurostat empfohlene Methode des sogenannten Satellitenkontos. Dadurch werden neben Hoch-, Tief- und Baunebengewerbe auch weitere baurelevante Bereiche berücksichtigt, darunter Baustoffindustrie, Maschinenbau, Architektur, Handel, Ausbildung und öffentliche Verwaltung.
Studienautorin Anna Kleissner zufolge entfallen bereits direkt rund zwölf Prozent der heimischen Wertschöpfung auf die Bauwirtschaft. Unter Einrechnung mittelbarer Effekte steige der Anteil auf rund 20 Prozent. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Branche werde daher in klassischen Statistiken deutlich unterschätzt.
Auch für den Arbeitsmarkt spielt der Sektor eine zentrale Rolle. Im Referenzjahr 2023 waren rund 624.000 Menschen unmittelbar in der Bau- und Immobilienwirtschaft beschäftigt. Das entspricht knapp jeder siebten erwerbstätigen Person in Österreich.
Werden vor- und nachgelagerte Wirtschaftsbereiche einbezogen, sind laut Studie knapp 1,1 Millionen Arbeitsplätze mit der Branche verbunden. Gleichzeitig generiert der Sektor jährlich rund 27 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben. Geprägt wird die Branche vor allem von kleinen und mittleren Unternehmen, die regional Arbeitsplätze sichern und lokale Wirtschaftskreisläufe stärken.
Besonders deutlich werde die wirtschaftliche Bedeutung am Wohnbau. Dieser sichere österreichweit unmittelbar mehr als 40.000 Arbeitsplätze und schaffe zugleich dringend benötigten Wohnraum.
Michael Pisecky, Fachgruppenobmann der Immobilien- und Vermögenstreuhänder der Wirtschaftskammer Wien, verweist allerdings auf die angespannte Situation im Wiener Wohnbau. Von ursprünglich rund 12.600 für 2026 geplanten Wohneinheiten würden laut Prognosen lediglich rund 9.600 fertiggestellt. Nach seiner Einschätzung könnte die Zahl sogar bei höchstens 8.000 Einheiten liegen. Entscheidend seien daher verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen, ausreichende Finanzierungsmöglichkeiten und mehr Planungssicherheit.
Die Branche leidet weiterhin unter hohen Finanzierungskosten, steigenden Baukosten, regulatorischen Anforderungen und fehlender Planungssicherheit. Zwischen 2022 und 2025 schrumpfte die Bauwirtschaft vier Jahre in Folge. 2024 betrug der Rückgang 5,9 Prozent.
Auch 2026 wird noch keine deutliche Trendwende erwartet. Das WIFO korrigierte seine Prognose im Juni von einem leichten Plus von 0,1 Prozent auf einen Rückgang von 0,2 Prozent. Erst 2027 sollen die Bauinvestitionen wieder um rund ein Prozent wachsen.
Als einen wesentlichen Grund nennt die Studie die Investitionszurückhaltung der öffentlichen Hand. Im Zuge der Budgetsanierung seien zahlreiche Projekte verschoben oder gestoppt worden.
Welche Folgen die schwächere Entwicklung hat, zeigt ein von den Studienautoren berechnetes Szenario. Hätte sich die Bauwirtschaft zwischen 2022 und 2027 im Gleichschritt mit der Gesamtwirtschaft entwickelt, wären über diesen Zeitraum zusätzliche 25,3 Milliarden Euro Wertschöpfung direkt im Bau möglich gewesen. Unter Einbeziehung vor- und nachgelagerter Branchen hätte der zusätzliche Effekt österreichweit rund 60,3 Milliarden Euro betragen.
Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungsträger hätten laut Berechnung rund 28,9 Milliarden Euro zusätzliche Einnahmen erzielen können. Gleichzeitig wären rund 54.000 Arbeitsplätze direkt im Bau beziehungsweise etwa 130.000 Arbeitsplätze in der Gesamtwirtschaft gesichert oder neu geschaffen worden.
Großes wirtschaftliches Potenzial sieht die Studie auch in der Sanierung des Gebäudebestands. Bereits heute erzeugt dieser Bereich jährlich rund 5,5 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung.
FBI-Vorstandsvorsitzender Georg Bursik fordert daher bessere regulatorische und finanzielle Rahmenbedingungen. Fehlende Planbarkeit und hohe bürokratische Hürden würden derzeit Investitionen erschweren. Aus seiner Sicht brauche es ein Förder- und Regulierungssystem, das langfristig planbar, finanzierbar und rechtlich praktikabel ist.
Besonders groß wäre der Effekt einer höheren Sanierungsquote. Würde diese zwischen 2026 und 2040 von derzeit rund 1,5 auf drei Prozent verdoppelt, könnte daraus laut Studie eine zusätzliche Bruttowertschöpfung von rund 124 Milliarden Euro entstehen. Gleichzeitig könnten rund 130.500 Arbeitsplätze geschaffen oder gesichert werden.
Ein weiteres Szenario untersucht die Folgen einer Rückkehr zu den Fertigstellungszahlen der Jahre 2021 und 2022. Um die bestehende Wohnbaulücke zu schließen, wären laut Studie zusätzliche Investitionen von rund 7,8 Milliarden Euro pro Jahr erforderlich.
Dadurch könnte eine zusätzliche Bruttowertschöpfung von rund 4,6 Milliarden Euro jährlich entstehen.
Eine zentrale Rolle spielen dabei kleine und mittelständische Unternehmen. Rund ein Viertel aller Beschäftigten der Branche arbeitet in Betrieben mit weniger als zehn Mitarbeitern. Diese Unternehmen sind häufig regional verankert und sichern auch außerhalb der Ballungsräume Arbeitsplätze.
VBÖ-Vizepräsident Andreas Fetter hebt zudem die Bedeutung des Baustoffhandels und des Baunebengewerbes hervor. Allein das Baunebengewerbe erwirtschaftet laut Studie eine direkte Bruttowertschöpfung von 14,8 Milliarden Euro.
Die Ergebnisse verdeutlichen damit die breite wirtschaftliche Wirkung von Neubau, Sanierung und Immobilienwirtschaft. Investitionen in diesen Bereichen beeinflussen nicht nur die unmittelbar beteiligten Unternehmen, sondern zahlreiche weitere Wirtschaftszweige, Beschäftigung und öffentliche Einnahmen.