Das C-Change-Programm des Urban Land Institute Europe hat mit Preserve ein frei verfügbares Instrument zur Bewertung von klimabedingten Transitionsrisiken vorgestellt. Investment- und Asset-Manager sollen damit untersuchen können, wie sich der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft auf die Performance und den Wert von Immobilien auswirkt.
Das am 10. Juli 2026 präsentierte Open-Source-Tool lässt sich in bestehende Discounted-Cashflow-Modelle integrieren. Es soll insbesondere dabei helfen, jene finanziellen Risiken zu quantifizieren, die entstehen können, wenn notwendige Maßnahmen zur Dekarbonisierung nicht oder zu spät umgesetzt werden.
Kosten des Nichthandelns bisher schwer messbar
Viele Immobilienunternehmen verfügen mittlerweile über Verfahren, mit denen sich die Kosten energetischer Sanierungen und anderer Dekarbonisierungsmaßnahmen abschätzen lassen. Deutlich schwieriger ist bislang die Bewertung der möglichen finanziellen Folgen des Nichthandelns.
Herkömmliche Investitionsmodelle stoßen dabei an Grenzen, weil für zukünftige regulatorische und wirtschaftliche Entwicklungen häufig weder historische Vergleichswerte noch allgemein anerkannte Bewertungsmethoden vorliegen. Gleichzeitig verschärfen sich die Energie- und Klimavorgaben, während Nutzer und Investoren höhere Anforderungen an die Nachhaltigkeit von Immobilien stellen.
Dadurch gewinnen mögliche Wertverluste, steigende Betriebskosten, geringere Vermietbarkeit oder zusätzliche Investitionsanforderungen zunehmend an Bedeutung. Während die unmittelbaren Kosten einer Dekarbonisierung in Investitionsrechnungen meist berücksichtigt werden, bleiben die längerfristigen Risiken einer unterlassenen Anpassung häufig unklar.
Integration in bestehende DCF-Modelle
Preserve wurde so konzipiert, dass das Tool in bestehende DCF-Modelle eingebunden werden kann. Die Methodik ermöglicht es, unterschiedliche Dekarbonisierungspfade und künftige Marktszenarien miteinander zu vergleichen und deren Auswirkungen auf den Immobilienwert abzubilden.
Nach Angaben des ULI wurde das Verfahren anhand realer Immobilien und Portfolios führender Investmentunternehmen getestet und validiert.
Sabine Georgi, Geschäftsführerin des ULI in Deutschland, Österreich und der Schweiz, erklärte, der besondere Nutzen des Tools liege in der Verbindung klassischer DCF-Verfahren mit einer standardisierten Bewertung von Klimarisiken. Dadurch würden diese Risiken erstmals systematisch quantifizierbar und könnten besser in Investitionsentscheidungen einbezogen werden.
Mehr als 200 Fachleute beteiligt
An der Entwicklung der Methodik waren laut ULI mehr als 200 Expertinnen und Experten beteiligt. In Workshops, Interviews und Arbeitsgruppen sollte sichergestellt werden, dass das Instrument praxisnah aufgebaut ist und den tatsächlichen Entscheidungsprozessen in der Immobilienwirtschaft entspricht.
Zu den Partnern und Pionierorganisationen zählen unter anderem Arup, Catella, Hines, IPUT, JP Morgan Asset Management, La Caisse, PIMCO und Redevco. Unterstützt wird das C-Change-Programm außerdem von Bouwinvest, COIMA, Oxford Properties, Sonae Sierra und Urban Partners.
Als weitere Pilotorganisationen waren Invesco, die Land Development Agency, Nuveen, PATRIZIA, PGIM und Swiss Life beteiligt. Entwickelt wurde Preserve gemeinsam mit dem auf Nachhaltigkeitsanalysen spezialisierten Unternehmen Synergetic sowie den technischen Partnern Mott MacDonald und CBRE.
Investoren sollen langfristiger denken
ULI-Europe-CEO Simon Durkin verwies auf die geopolitische Unsicherheit und die Auswirkungen der Energiekrise. Investoren müssten deshalb eine größere Bandbreite möglicher Zukunftsszenarien in ihre Entscheidungen einbeziehen.
Entscheidungsträger sollten nach seiner Einschätzung nicht nur die unmittelbaren Kosten von Klimaschutzmaßnahmen berücksichtigen, sondern auch die finanziellen Folgen einer verzögerten oder ausbleibenden Anpassung. Diese könnten die Performance, Widerstandsfähigkeit und langfristige Werthaltigkeit von Immobilien beeinträchtigen.
Durkin zufolge sei daher ein grundlegender Perspektivwechsel erforderlich. Ohne eine systematische Bewertung von Transitionsrisiken bestehe die Gefahr, dass Investoren ihr tatsächliches Risikoprofil unterschätzten und von regulatorischen oder wirtschaftlichen Veränderungen überrascht würden.
Preserve könne dafür eine wichtige Entscheidungsgrundlage liefern. Der langfristige Erfolg des Instruments werde jedoch wesentlich davon abhängen, ob es von der Immobilienbranche angenommen und in der Praxis eingesetzt werde.
Zunächst für Europa entwickelt
Preserve soll die Anwendung der C Change Transition Risk Assessment Guidelines auf dem europäischen Immobilienmarkt unterstützen und sich langfristig als Branchenstandard etablieren.
Der erste Einsatz konzentriert sich auf Europa. Das ULI plant jedoch, die Methodik künftig auch auf Nordamerika auszuweiten. Damit reagiert die Organisation nach eigenen Angaben auf das steigende Interesse internationaler Immobilieninvestoren an einer einheitlichen und nachvollziehbaren Bewertung von Klimarisiken.