Erste Hitzewelle: Wie Städte jetzt kühler werden können

Fünf Maßnahmen zeigen, wie Kommunen kurzfristig reagieren und langfristig vorsorgen können
von office@era.at – 19. Jun 2026

Deutschland erlebt die erste Hitzewelle des Jahres. Besonders in Städten wird die Belastung schnell extrem: Asphalt, Beton, dichte Bebauung und fehlender Schatten sorgen dafür, dass sich die Wärme staut. Durch den sogenannten Heat-Island-Effekt können urbane Temperaturen deutlich über jenen des Umlands liegen, teils um bis zu zehn Grad oder mehr.

Gregor Grassl, Associate Partner und Leiter für grüne Stadtentwicklung bei Drees & Sommer SE, warnt, dass Tropennächte besonders problematisch seien. Wenn die Temperaturen nachts nicht mehr unter 20 Grad sinken, helfe auch Lüften kaum noch. Städte müssten deshalb vor allem passiv gekühlt werden, etwa durch Verschattung, Begrünung und geeignete Materialien. Klimaanlagen seien aus seiner Sicht keine nachhaltige Lösung, weil sie Abwärme nach außen abgeben und den Hitzeinsel-Effekt zusätzlich verstärken könnten.

1. Mehr Schatten schaffen

Schatten ist eine der schnellsten und günstigsten Maßnahmen gegen Hitze. Besonders wirksam sind Bäume, weil sie nicht nur Flächen verschatten, sondern durch Verdunstung auch die Umgebungsluft kühlen.

Dort, wo Bäume wegen versiegelter Flächen oder Platzmangel nicht gepflanzt werden können, kommen alternative Lösungen infrage. In Stuttgart stehen am Marienplatz etwa sogenannte Ecotriis. Das Konzept eines Start-ups setzt auf Kletterpflanzen, die über Netzsegel Schatten spenden. Die Konstruktionen sind solarbetrieben, per App steuerbar und verfügen über Betonfüße aus dem 3D-Drucker, die zugleich als Sitzgelegenheiten dienen.

Grassl zufolge könnten solche Lösungen Bäume zwar nicht ersetzen, aber dort helfen, wo Baumpflanzungen nicht möglich seien. Ergänzend könnten Haltestellendächer, Sonnensegel und überdachte Aufenthaltsbereiche helfen, besonders auf Schulhöfen, Spielplätzen oder stark frequentierten Plätzen.

2. Helle Oberflächen nutzen und Böden entsiegeln

Auch die Materialwahl spielt eine wichtige Rolle. Grassl verweist darauf, dass dunkle Kleidung in der Sonne stärker aufheize, und für Städte gelte ein ähnliches Prinzip. Dunkler Asphalt speichert Wärme, während helle Oberflächen Sonnenstrahlung besser reflektieren.

Viele Kommunen würden den sogenannten Albedo-Effekt bislang noch zu wenig nutzen, obwohl er vergleichsweise schnell und kostengünstig einsetzbar sei. Dächer, Plätze und Gehwege könnten nachträglich aufgehellt werden, ohne dass dafür vollständig neu gebaut werden müsse. Natursteinpflaster oder heller Beton seien bei Hitze oft vorteilhafter als dunkler Asphalt.

Zusätzlich sollten Böden nicht überall vollständig versiegelt sein. Kiesflächen oder Rasengittersteine könnten den Hitzeeffekt mindern und seien häufig günstiger als Asphalt. Gleichzeitig hätten sie einen weiteren Vorteil: Bei Starkregen könne Wasser besser versickern, anstatt oberflächlich abzufließen. Die Stadt Dormagen zeigt mit entsiegelten Flächen und zusätzlichen Trinkwasserbrunnen, wie solche Maßnahmen die Hitzebelastung konkret senken können.

3. Gebäude passiv kühlen

Klimaanlagen können zwar Innenräume abkühlen, verschärfen aber laut Grassl zugleich das Problem im Außenraum. Besonders Splitgeräte seien kritisch, weil sie genau dann laufen, wenn es draußen ohnehin heiß sei. Während sie innen kühlen, gäben sie Wärme nach außen ab. Dadurch könne ein Kreislauf entstehen, in dem immer stärker gekühlt werden müsse.

Stattdessen empfiehlt Grassl, stärker auf Low-Tech-Lösungen zu setzen. Gebäude könnten so geplant oder saniert werden, dass sie nachts über kühlere Außenluft Wärme abgeben und tagsüber durch geschlossene Fenster und Türen vor weiterer Aufheizung geschützt bleiben. Allerdings stoße dieses Prinzip an Grenzen, wenn auch die Nächte zu warm würden. Deshalb müssten selbst energiesparende und nachhaltige Gebäude mit Blick auf den Klimawandel weiterentwickelt und saniert werden.

Eine zusätzliche Möglichkeit besteht darin, vorhandene Flächenheizungen im Sommer zur Kühlung zu nutzen. Fußbodenheizungen können beispielsweise als Kühlböden dienen, wenn der Wasserkreislauf nachts abgekühlt wird. Auch Deckenflächen lassen sich für eine sanfte Kühlung einsetzen.

4. Blau-grüne Infrastruktur ausbauen

Einzelne Bäume sind wichtig, doch größere Wirkung entsteht durch vernetzte Grün- und Wasserstrukturen. Bäume, Parks, begrünte Dächer und Fassaden sowie Wasserflächen bilden gemeinsam eine blau-grüne Infrastruktur. Sie spenden Schatten, verdunsten Wasser, senken Temperaturen, verbessern die Luftqualität und erhöhen die Aufenthaltsqualität.

Grassl betont, dass Begrünung zwar Zeit brauche, sich aber mehrfach auszahle. Sie könne Städte kühler machen, die Luft verbessern, die Artenvielfalt fördern und attraktive öffentliche Räume schaffen.

Beispiele dafür gibt es bereits: In Rastatt wurden im Rahmen eines Klimaanpassungskonzepts rund 1.000 neue Bäume gepflanzt. In Dortmund zeigt der Phoenixsee, wie blau-grüne Infrastruktur von Beginn an in die Stadtentwicklung integriert werden kann. Auf dem früheren Gelände einer Stahlhütte entstand ein großer See mit umliegenden Parkflächen, der bei Hitze Verdunstungskühle schafft, Regenwasser aufnehmen kann und zugleich als Freizeit- und Aufenthaltsraum dient.

5. Verdichtet und klug in die Höhe bauen

Auch die Bauweise kann zur Kühlung beitragen. Grassl erklärt, dass Hochhäuser sich gegenseitig verschatten und dadurch Wohnungen besser vor Überhitzung schützen könnten. Voraussetzung sei jedoch eine sinnvolle Fassadengestaltung. Der Fensterflächenanteil sollte aus seiner Sicht nicht zu hoch sein, da großflächige Glasfassaden energetisch problematisch seien. Glas dämme schlechter und könne sowohl im Sommer als auch im Winter hohe Energieverbräuche verursachen.

Richtig geplant könnten höhere Gebäude außerdem die Durchlüftung von Quartieren verbessern. Durch Verwirbelungen und Aufwinde könne Luftbewegung entstehen, die zur Abkühlung beitrage. Grassl vergleicht diesen Effekt mit natürlichen Landschaftselementen wie Flüssen, die nicht nur durch Wasser kühlen, sondern auch als Frischluftschneisen und Durchlüftungszonen wirken können.

Die Hitzewelle zeigt damit deutlich, dass Städte nicht nur kurzfristige Schutzmaßnahmen brauchen, sondern langfristig klimaangepasst geplant werden müssen. Schatten, helle Materialien, entsiegelte Böden, passive Gebäudekühlung und blau-grüne Infrastruktur können gemeinsam dazu beitragen, urbane Räume widerstandsfähiger gegen extreme Hitze zu machen.