Weltwassertag 2026: Wasser neu denken

Zukunftsfähige Regionen setzen auf Kreisläufe, Wiederverwendung und eine wassersensible Stadtentwicklung
von office@era.at – 22. Mar 2026

Der Klimawandel verändert den Umgang mit Wasser in Deutschland grundlegend. Längere Hitzeperioden, sinkende Grundwasserstände und häufiger auftretende Starkregenereignisse zeigen, dass das bisherige System aus Entnahme, Nutzung und schneller Ableitung nicht mehr ausreicht. Gefragt sind neue Strategien, mit denen Wasser sparsamer verwendet, mehrfach genutzt und möglichst lange in natürlichen oder technischen Kreisläufen gehalten wird. Beispiele aus Dortmund, Potsdam und Berlin machen deutlich, wie ein zukunftsfähiger Umgang mit Regen- und Abwasser aussehen kann.

Der Weltwassertag am 22. März rückt eine Entwicklung in den Fokus, die auch hierzulande immer stärker spürbar wird: Während extreme Hitze zu Wasserknappheit führt, verursachen Starkregenereignisse zunehmend Überflutungen und Schäden. Dadurch gerät der Wasserhaushalt aus dem Gleichgewicht. Nach Einschätzung von Dr. Stephan Wasielewski, Leiter Wasserinfrastruktur bei Drees & Sommer SE, ist deshalb ein grundlegender struktureller Wandel notwendig. Er betont, dass Regionen langfristig nur dann widerstandsfähig bleiben, wenn sie Wasser mehrfach nutzen und in Kreisläufen führen. Dies werde zunehmend auch zu einem entscheidenden Standortfaktor für die Industrie.

Wie ernst die Lage ist, zeigte sich bereits im Spätsommer 2025: Der Rhein führte historisch wenig Wasser, der Schiffsverkehr wurde beeinträchtigt, Lieferketten gerieten unter Druck und auch die Energie- sowie Chemieproduktion waren betroffen. Gleichzeitig litten Landwirtschaft und Wälder unter Trockenheit. Dahinter steht ein gemeinsames Problem: Böden und Städte können Wasser immer schlechter aufnehmen und speichern. Versiegelte Flächen leiten Regen rasch ab, statt ihn zurückzuhalten, und ausgetrocknete Böden nehmen selbst dann kaum Wasser auf, wenn nach längeren Trockenphasen wieder Niederschläge fallen.

Wasielewski verweist in diesem Zusammenhang auf ein widersprüchliches System: Einerseits fehlt Niederschlag, andererseits gelangt das Wasser bei Regen oft nicht mehr ins Grundwasser, sondern verursacht lokal sogar erhebliche Schäden. Dadurch entstehe ein Kreislauf aus Wassermangel und Überschwemmungsrisiko, in dem Regionen zunehmend ihre natürliche Speicherfähigkeit verlieren und sich Grundwasservorräte nach Dürreperioden nur noch schwer erholen.

Dieses Problem ist nicht auf Deutschland beschränkt. Weltweit wird inzwischen mehr Wasser aus Flüssen, Böden und Reservoirs entnommen, als natürliche Systeme nachliefern können. Die Vereinten Nationen warnen deshalb vor einer globalen Wasserüberschuldung. Auch Deutschland ist Teil dieser Entwicklung. Studien zeigen, dass in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich mehr Wasser verloren ging, als nachfließen konnte. Ohne wirksame Gegenmaßnahmen drohen bis 2050 enorme volkswirtschaftliche Schäden.

An Lösungen für diese Herausforderung arbeitet Wasielewski seit Jahren. Er begleitet Projekte für öffentliche Auftraggeber und Unternehmen, darunter auch den Masterplan Wasserversorgung des baden-württembergischen Umweltministeriums. Ziel dieses Plans ist es, die langfristige Versorgung von über elf Millionen Menschen sicherzustellen. Dazu gehören unter anderem eine Wassermengenbilanz bis 2050, kommunenscharfe Versorgungskarten sowie konkrete Empfehlungen für Städte und Gemeinden. Damit entsteht erstmals ein umfassender Überblick über die zukünftige Wasserversorgung im Land.

Solche Planungsinstrumente sind nicht nur für Kommunen, sondern auch für die Industrie von großer Bedeutung. Denn viele Branchen sind in besonderem Maß auf eine verlässliche Wasserversorgung angewiesen. Dazu zählen etwa die Chemie- und Pharmaindustrie, Rechenzentren, die Lebensmittelproduktion oder die Halbleiterfertigung. Diese Bereiche benötigen erhebliche Mengen an Prozesswasser, vor allem für Kühlung und Reinigung. Gleichzeitig steigen die regulatorischen Anforderungen: Große Kläranlagen müssen künftig zusätzliche Reinigungsstufen einführen, um Mikroschadstoffe wie PFAS, Arzneimittelrückstände oder Mikroplastik wirksam zu entfernen.

Wasielewski sieht darin jedoch nicht nur eine Belastung, sondern auch eine Chance. Aus seiner Sicht sollten Abwasser und Regenwasser stärker als wertvolle Ressourcen verstanden werden. Moderne Verfahren wie Membranfiltration, biologische Aufbereitung und digitale Steuerungssysteme ermöglichten es inzwischen, Wasser so aufzubereiten, dass es in industriellen Prozessen erneut eingesetzt werden kann. Geschlossene oder teilgeschlossene Wasserkreisläufe könnten Unternehmen stabiler machen und gleichzeitig Umweltressourcen schonen. Langfristig müsse das Ziel sein, Wasser möglichst lange im System zu halten, anstatt es nach einmaliger Nutzung abzuleiten.

Auch Städte und Gemeinden müssen ihren Umgang mit Wasser neu ausrichten. Ramona Jones, Wasser- und Klimaexpertin bei Drees & Sommer, weist darauf hin, dass sich Deutschland nicht auf ein vermeintlich ausreichendes Wasserangebot verlassen dürfe. Ihrer Einschätzung nach ist jetzt der richtige Zeitpunkt, klimaangepasste und wassersensible Konzepte in urbanen Räumen umzusetzen, bevor der Druck weiter zunimmt. Kommunen hätten eine zentrale Rolle, weil sie den alltäglichen Umgang mit Regenwasser prägen und damit auch die Resilienz ganzer Regionen beeinflussen. Wasser müsse im Stadtraum gehalten, nutzbar gemacht und sichtbar integriert werden, statt es wie bislang möglichst schnell abzuleiten.

Ein Beispiel dafür ist der Phoenixsee in Dortmund, den Drees & Sommer begleitet hat. Der künstlich geschaffene Rückhalteraum schützt vor Hochwasser und zeigt gleichzeitig, wie sich eine ehemalige Industriefläche in einen multifunktionalen Raum mit hoher Aufenthaltsqualität verwandeln lässt. Dahinter steht das Prinzip der Schwammstadt: Städte sollen Wasser aufnehmen, speichern und bei Bedarf wieder abgeben können, anstatt es unmittelbar abzuführen.

Wie wichtig solche Ansätze sind, zeigt auch der Telegrafenberg in Potsdam. Dort entwickelte Drees & Sommer 2025 im Auftrag des GFZ Helmholtz-Zentrums ein Landschaftskonzept zur Stabilisierung des Wasserhaushalts auf dem traditionsreichen Campus. Das Gelände erfüllt mehrere wichtige Funktionen als grüne Lunge, Kaltluftschneise und Versickerungsraum. Doch viele der teils über hundert Jahre alten Bäume leiden massiv unter Trockenstress. Untersuchungen ergaben, dass ein großer Teil des Bestands bereits geschädigt ist. Die sandigen Böden speichern kaum Wasser, während sich lange Trockenperioden mit kurzen Starkregen abwechseln.

Jones erläutert, dass das Wasser derzeit entweder schnell abgeleitet werde oder in Bereichen versickere, in denen es den Bäumen kaum zugutekomme. Ziel sei deshalb, Niederschläge dezentraler zu sammeln, besser zu verteilen und gezielt nutzbar zu machen. Digitale Modelle helfen dabei zu verstehen, wie Wasser über das Gelände fließt und wo neue Speicher- und Versickerungsflächen entstehen können. Parallel wird geprüft, wie sich der Standort mit widerstandsfähigeren, tiefwurzelnden und trockenheitsresistenten Arten weiterentwickeln lässt. Nach Einschätzung von Jones geht es dabei im Kern darum, natürliche Wasserhaushalte über Grünflächen wieder stärker in den urbanen Raum zurückzuholen. Davon profitierten nicht nur Pflanzen, sondern auch Mikroklima und Biodiversität.

Ein weiteres Beispiel kommt aus Berlin-Lichtenberg. Dort untersuchte Drees & Sommer im Auftrag des Bezirks, wie 24 Schulen Regenwasser besser nutzen können. Das Problem ist typisch für dicht bebaute Großstadtquartiere: Eine überlastete Mischkanalisation kann Starkregen oft nicht ausreichend aufnehmen. Das Wasser fließt ab, anstatt vor Ort gespeichert zu werden. Die Folgen sind Überflutungen, Hitzebelastung und eine geschwächte Vegetation. Die Gutachten zeigen, dass Schulhöfe, Dächer und Grünflächen wieder zu Speicher- und Versickerungsräumen umgestaltet werden können.

Jones macht deutlich, dass Vegetation auf verlässliche Wasserverfügbarkeit über längere Zeiträume angewiesen ist, diese Verlässlichkeit durch den Klimawandel aber zunehmend verloren geht. Deshalb müsse Regenwasser auf Grundstücken gehalten werden und dürfe nicht länger als Ausnahme, sondern müsse als planerischer Standard betrachtet werden. Zugleich zeigen die Untersuchungen, dass viele Flächen entsiegelt und von asphaltierten Schulhöfen in grüne, klimaangepasste Bereiche umgewandelt werden könnten. Das würde nicht nur Wasser zurückhalten, sondern auch die Aufenthaltsqualität für Schüler:innen und Lehrkräfte deutlich verbessern.

Allerdings sind solche Vorhaben oft komplex. Jones weist darauf hin, dass beim Thema Regenwasser viele Akteure beteiligt werden müssen – von Wasserbehörden bis zum Denkmalschutz. Hinzu kommen knappe personelle Ressourcen in vielen Kommunen, aufwendige Förderanträge und konkurrierende Prioritäten. Gleichzeitig beobachtet sie, dass immer mehr Städte und Gemeinden aktiv werden und verstärkt Förderprogramme des Bundes nutzen, etwa im Rahmen der Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels.

Neben Staat, Wirtschaft und Kommunen stehen auch private Haushalte in der Verantwortung. Nach Auffassung von Wasielewski wird Trinkwasser noch zu häufig für Anwendungen verwendet, bei denen auch Regen- oder Betriebswasser ausreichen würde, etwa bei der Toilettenspülung, der Gartenbewässerung oder Reinigungsarbeiten. Wer Regentanks einsetzt, Flächen entsiegelt, wassersparende Armaturen installiert und Leckagen früh erkennt, kann den Verbrauch deutlich senken. Auch eine an die Bodenfeuchte gekoppelte Bewässerung und der Einsatz von Eco-Programmen bei Haushaltsgeräten leisten einen Beitrag.

Jeder eingesparte Liter Wasser wirkt sich doppelt aus: Er schont Ressourcen und reduziert zugleich Energie- und Aufbereitungskosten. Denn auch die Gewinnung, Reinigung und Verteilung von Trinkwasser verbrauchen Energie. Wasielewski mahnt deshalb zu einem grundsätzlichen Umdenken. Trinkwasser dürfe nicht länger wie ein beliebiges Betriebsmittel behandelt werden, sondern müsse als besonders wertvolle Ressource verstanden werden. Für viele andere Zwecke sollten künftig alternative Wasserquellen genutzt werden.